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Die drei Jungfern
und die drei Ratsherrn,
oder
das große Kirchhorn-Knopf-Scheuern zu Altona





Anstatt des Vorwortes.

  "Allgemein ist von den holsteinischen Jungfrauen die Rede: wenn eine solche merkt, daß sie Gefahr läuft, ein alte Jungfer zu werden, und sich ihr kein Freier präsentiert, so steigt sie an einem Sonnabend auf den Turm der Hauptkirche und beginne dort zu säubern, besonders die Kirchturmspitze, bis diese blank ist und glänzt. Kehrt sie nun sittsam in ihre Kammer zurück, so wird sie dort einen gut ausstaffierten Freier antreffen.


  Zu bemerken sei: das dies nur jenen Frauen passiert, welche bis dahin ihre Unschuld bewahrt hat und noch vorangegangen Jungfrauen vor ihr passieren hat lassen.


Diese Geschichte hat sich in Altona zugetragen und ist gewiß wahr und wahrhaftig, denn wenn sie nicht wahr wäre, so hätte sie sich nicht zutragen können und ich könnte sie nicht erzählen.

Ich will sie aber erzählen, weil sie mir meine Großmutter erzählt hat, die hat sie wieder von ihrer Großmutter gehört, und diese Großmutter ihre Großmutter hat das selbst miterlebt.

Das war nämlich vor hundert und tausend Jahren, als der schwedische General Steenbock ganz Altona abgebrennt hat, (wofr er später in all seinen Gliedern und Knochen krumm und lahm geworden ist.)


Da war von Altona kein Stein auf dem andern geblieben und auch die große Kirche war ganz mit abgebrannt.

Da haben sich die Bürger von Altona zusammen getan und haben die Stadt wieder aufgebaut und viel schöner und größer als sie früher gewesen war.

  Und endlich haben sie auch die große Kirche gebaut, die noch bis zu diesem Tag steht, und dazu einen neuen Turmknopf bekommen hat.

Als nun die große Kirche so weit fertig war, das sie den ersten Turmknopf bald aufsetzen könnten, da hat sich das Folgende zugetragen.

  In Altona lebten damals zwei reiche Bürger, der eine hat Möller geheißen und der andere Meyer, und Möller und Meyer hatten jeder eine Tochter gehabt, und sonst weder Kind noch Kegel, weder Hund noch Katze mehr.

Und in Hamburg, da lebt auch ein reicher Bürger, der hat Puttfarken geheißen, der hatte auch eine Tochter, und weil nun die Alten gute Freunde miteinander waren, so sind auch die Jungfern Meyer, Möller und Puttfarken gute Freundinnen miteinander gewesen, und bald haben die Meyersche und die Möllersche bei der Puttfarken, bald die Puttfarken bei der Meyerïschen und der Möllerïschen Besuche gemacht, wo sie immer zusammen redeten und wohl auch ein bißchen klatschten, wie das nun so Gewohnheit bei den Frauensleuten ist, mögen sie nun jung oder alt sein.


  Die drei Jungfern sind alle drei noch ganz jung gewesen, so zwischen sechzehn und achtzehn Jahren, und in ganz Altona und Hamburg sind keine drei Mädchen mehr gewesen, die das, was die Schönheit betrifft, mit der Meyerïschen, und der Möllerïschen und der Puttfarken hätten aufnehmen können.

  Das war alles gut, aber was nicht gut ist, das ist der gräuliche Stolz gewesen, davon die drei Jungfern ganz und gar besessen waren.

Alle Drei haben ihre kleinen Nasen so hoch getragen, als ob sie geborene Prinzessinen gewesen wären, und richtig haben sie einander auch das Wort darauf gegeben, das sie keinen Anderen heiraten wollen, als wenigstens einen Ratsherren.

  Die jungen heiratslustigen Ratsherren kann man aber nicht wie die Äpfel oder Zwetschgen (Pflaumen) von den Bäumen runter schütteln, und die Jungfrauen Meyer´sch, Möller´sch und Puttfarken haben sehr bald gemerkt, das sie wohl noch eine gute Zeit warten können, bis man ein junger Ratsherr Lust hat anzuklopfen - und drei müßten das doch sein, weil ein Ratsherr nicht drei Frauen auf einmal freien kann.

  Währenddessen sind drei schmucke junge Gesellen nach Altona gekommen, der eine war aus Bremen, der zweite aus Lübeck und der dritte aus Buxtehude, wo das große Wettlaufen zwischen dem Hasen und den Igel statt gefunden hat.

  Diese jungen Gesellen waren braver Leute Kinder und es hat keinen an Moses und den Propheten gefehlt, auch haben sie alle Drei ein gutes Geschäft gehabt, mit einem Wort: das waren so nette Leute, das gewiß jedes andere Mädchen in Altona und Hamburg mit beiden Händen zugegriffen hätte, wenn einer von den jungen Menschen ihr einen ordentlichen Heiratsantrag gemacht hätte.

Aber was denkt Ihr? als nun der Bremer, der Lübecker und der Buxtehuder in dieser Angelegenheit - nämlich von wegen dem Heiraten - bei den Jungfern Meyer, Möller und Puttfarken anklopfen, sind die drei Mädchen rein verdreht im Kopf, verziehen das Maul, rümpfen die Schnutte, beschauen die jungen Männer von Kopf bis zu den Füßen an wie die Kuh die neue Tür und geben zur Antwort: "Wir haben keine Lust uns man so wegzuschmeißen, geht und seht zu, das Ihr Ratsherren werdet und dann kommt wieder und fragt mal an."


Diese schnöde Antwort auf einen gutgemeinten Antrag hat die drei jungen Gesellen nicht wenig verdrossen, und der Lübecker hat gesagt: "Wenn die Jungfern so lange warten wollen, bis wir Ratsherren geworden sind, so könne sie meinetwegen warten, ich habe nicht so lange Lust dazu."

  Der Bremer hat gesagt: "Wegschmeißen sollen sich die Jungfern nicht, und wenn wir die Jungfern als ehrlicher Leute Kinder nicht anstehen, so danken wir für die Jungfern, wenn wir Ratsherren geworden sind."

  Und der Buxtehuder hat gesagt: "Ich will das nicht schwören, bald Ratsherr zu werden, und alsdann wieder anzufragen , ob eine von den Jungfern mich will, aber das schwör ich, das mich keine alsdann kriegt, sie muß vorher den großen Kirchturm Knopf an einem Sonnabend siegelblank gescheuert haben."

  Damit sind die drei jungen Gesellen abgegangen. - Die drei Jungfern, die Möller´sche, die Meyer´sche und die Puttfarken haben aber recht höhnisch hinter ihnen hergelacht. - Aber das Sprichwort sagt: wer zuletzt lacht, lacht am besten!

  Die drei hochnäsigen Jungfern haben gesessen und gesessen, und gewartet und gewartet das sich ein Ratsherr als Freier einstellen soll, aber man ja nicht, kein Ratsherr hat sich blicken lassen, und als sie das endlich zu spät eingesehen haben, und klein beigaben, siehst du, da haben sie das, denn nun will kein Anderer mehr anbieten, weil sie durch ihre Hochnäsigkeit das mit allen Männern schon lange verdorben hatten.

  Nun sind sie dran gewesen, alte Jungfern zu bleiben ihr Lebenlang. - Da eines Tages kriegen sie mit einemmal drei Visiten von drei Ratsherrn, und die drei Ratsherrn waren aus Bremen, aus Lübeck und Buxtehude.

  Die drei Jungfern, die Moller´sche, die Meyer´sche und die Puttfarken haben die drei Ratsherrn gleich wieder erkannt, denn die hatten sich alle drei gut erhalten, um die Wahrheit zu sagen, viel besser als die drei Jungfern, die unterdessen recht alte Ratten geworden sind.

  Das wollte aber erst keine von den Jungfern nicht glauben, -(nämlich das sie alte Ratten geworden sind) - und als sie nun die drei Ratsherren vor sich sahen, da kreischten sie hell auf vor Freuden und dachten nicht anders, als nun hänge der Himmel voller Violinen, und alle drei Ratsherren würden man nun gleich einen Antrag machen.
Aber da hatten sich zum wenigsten Zwei gewaltig geschnitten, denn der Bremer sagt: "Ratsherr bin ich erst richtig worden, aber erst vor vier Wochen, Frau und Kinder hab ich aber schon seit vierzehn Jahren."

  Der Lübecker sagt: "Mir ist das genau so ergangen, un wir sind man aus alter Feundschaft für unseren Kollegen aus Buxtehude mitgekommen, um bei den Jungfern ein gutes Wort für ihn einzulegen." Und der Buxtehuder sagt: "Ja! Ratsherr bin ich auch geworden, aber Frau und Kinder hab ich noch nicht, und wenn mich nun eine von den schönen Jungfern will, so kann sie, so Gott will, noch Frau Ratsherrin von Buxtehude werden."

  Da riefen die Möller´sche, die Meyer´sche und die Puttfarken wie aus einem Munde: Ich, ich, ich will ihn nehmen den Ratsherrn!

  Ja, sagt der Buxtehuder, Ratsherr, das ist wohl recht gut, aber zuerst kann ich man nur eine Frau nehmen, und denn ist nicht zu vergessen, nämlich das die, die mich heiraten will, zuerst an einem Sonnabend, den großen Kirchturm-Knopf spiegelblank scheuern muß.

  Nun war an diesem Tag gerade Sonnabend, und als die Möller´sche, die Meyer´sche und die Putfarken hören was der Buxtehuder sagt, rennen sie alle Drei Hals über Kopf davon nach der großen Kirche, und geben dem Köster keine Ruhe, bis er die Turmtür aufschließt.

  Und da klettern sie alle Drei den ganzen Kirchturm rauf, bis unter den großen Turmknopf, und fangen an ihn zu scheuern von Morgens um zehn Uhr bis Abends um sieben Uhr, da war der Turmknopf spiegelblank gescheuert, und müde und matt kamen sie wieder runter und liefen nach Haus, wo die drei Ratsherrn aus Bremen, Lübeck und Buxtehude noch immer sitzen.

  "Der große Kirchturm-Knopf ist spiegelblang gescheuert," riefen alle drei Jungfern.
 
  "Das ist gut," sagt der Buxtehuder Ratsherr, "welche hat ihn gescheuert?"

  "Ich! ich! ich!" schrien die Möller´sche, die Meyer´sche und die Putfarken.

  "Ja, so schlägt das Wetter drein, "ruft ganz verdrießlich der Ratsherr von Buxtehude, "wenn ihr alle Drei den Knopf gescheuert habt, so stehen ja wieder die Ochsen am Berg, denn nun kann ich ja keine von ihnen heiraten, wenn ich nicht an Zweien von ihnen das größte Unrecht tun will! - Ich sehe wohl: wenn ich kein alter Junggeselle bleiben will, so muß ich mir anderwärts eine Frau suchen."

  Damit steht der Buxtehuder Ratsherr vom Stuhl auf, geht mit dem Bremer und dem Lübecker davon; - und die Möller´sche und die Meyer´sche aus Altona, und die Puttfarken aus Hamburg blieben sitzen mit Gesichtern, so lang wie Lewerenz sein Kind.

                           E n d e.


  Die Moral von dieser Geschichte ist: das es sich jedes junge Mädchen wohl zu Herzen nehmen mag, und das ist ganz egal, ob sie eines Senators Tochter ist oder ob ihr Vater als Tagelöhner zur Arbeit geht, die Hauptsache bleibt immer die: Ein junges Mädchen soll ihre Nase nicht zu hoch tragen und am allerwenigsten, wenn ein ehrlicher junger und solider Mensch als Freier bei ihr anklopft. Ich will damit nicht sagen, das ein junges Mädchen einen Menschen, den sie nicht leiden kann, heiraten soll! Nein! Gott bewahre! so mein ich das nicht, denn ich weiß ja! das aus so einer Heirat bloß Unzufriedenheit und Unglück entstehen kann!

  Aber das muß doch wohl eine recht alberne Gans sein, die einen braven jungen Mann, der auch sein gutes Auskommen hat, allein darum die Tür vor der Nase zuschlägt, weil er kein Ratsherr oder sonst was dergleichen ist.-

  So eine Jungfer "Oben raus und Nirgens an", mag doch ja bedenken: wie bald die Jugend und das bißchen Schönheit, worauf sie sich so viel einbildet, flöten geht, und ist die Jugend und die Schönheit einmal weg, so kommt sie nicht wieder und die Freiersleute - auch die Alten - sind keine Narren, sich nach einer alten Schachtel umzutun, so lange es anderswo noch junge Mädchen genug gibt, die Gott danken, wenn sich eine ordentliche Versorgung findet, ist auch nicht bei einem Ratsherrn.

  Also meine lieben jungen Mädchen! - seid klug, verwahrt euch vor Hochnäsigkeit, denn Hochmut kommt vor den Fall und tragt ihr die kleinen Zuckersnuten zu hoch, so ist das Wenigste was euch begegnen kann, das ihr am Ende sitzen bleibt, wie die Jungfer Meyer und die Jungfer Möller aus Altona, und Jungfer Puttfarken aus Hamburg.

  Doch ich besinn mich eben, das wir nicht mehr in den Zeiten leben, wo die jungen Mädchen noch so dumm und so hochnäsig wären, als die Meyer´sche, die Möller´sche und die Puttfarken! - Nein! gewiß: Heut zu Tage sind die Mädchen klüger und bescheidener, und in Hamburg und Altona habe ich das noch nicht erlebt, das eine noch so feine Jungfer nicht mit beiden Händen zugegriffen hätte, wenn ein braver junger Mann als Freier bei ihr angeklopft hätte.

Druck von W. L. Anthes. 1855                        




E n d e.

 (frei ins Hochdeutsche übersetzt, der Herausgeber Leopold G. Stein)
 

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